Erster Traum (Kapitel 1)

Erster Traum

Mein Blick war noch immer auf Magic Mike fixiert. Alles um mich herum erschien ausgeblendet, als ob ein Nebelschleier meine Sicht blockierte. Ein leichtes Kitzeln auf meiner rechten Wange durchbrach meine Starre. Eine Träne, die in Zeitlupe dem Boden entgegenfiel und sich auf diese Weise befreite.

Was ist bloß mit mir los? Alles wirkt so unscheinbar, als ob es nicht wirklich ist. Hat das mit diesem schrecklichen Albtraum zu tun?

Langsam verlangsamte sich mein Puls, es war ein angenehmes Gefühl. Ein Gefühl der Entspannung und ich war mir sicher, dass Magic Mike wesentlich hierzu beigetragen hatte.

Danke, Magic Mike!

In Gedanken fragte ich mich, was das eben für ein seltsamer, abgefahrener Traum war.

Gott sei Dank war das nicht real. Doch was habe ich da eben geträumt? Hatte es etwas zu bedeuten oder war es nur wirres Zeug? Wie auch immer, es war Kay-Ky und völlig abgefahren und es ließ mich nicht in Ruhe.

Meine Gedanken kreisten weiterhin um das eben Geträumte, das mir gleichzeitig Angst machte.

Ich versuchte mich zu beruhigen und redete mir selber immer wieder ein, dass es nur ein Traum war. Hektisch und auf der Suche nach Beweisen streifte ich den rechten Ärmel meines Oberteils nach oben. Da war nichts, keine Verletzung, kein blauer Fleck. Ich tastete meine Ellenbeuge ab, doch auch dieser Versuch brachte nichts Unerwartetes zum Vorschein, keinerlei Schmerzen, alles völlig normal. Ich atmete tief durch und wusste nun, es war alles nur ein Traum, ein Spiel meiner Gedanken, nichts Reales. Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wissen konnte, war, dass dieser Traum alles verändern würde, mein ganzes Leben.

Meine Atmung folgte dem Rhythmus meines noch immer rasenden Herzens. Auf einmal bemerkte ich, dass alles um mich herum unscharf erschien. Selbst Magic Mike, der in jeder Hinsicht scharf war, schien wie in Nebel gehüllt. Ein Gefühl, das alles andere als angenehm war, breitete sich wie eine Welle über meinen ganzen Körper aus. Eine Gänsehaut, gefolgt von einem Schweißausbruch, war das Ergebnis. Meine Ober­schenkel brannten und meine Beine fingen an zu zittern.

Kay-Ky! Was geht jetzt hier ab, was ist bloß mit mir los?

Ich versuchte Erklärungen zu finden, doch das Einzige, was wirklich funktionierte, war das Krampfen meines Magens. Ich schloss meine Augen in der Hoffnung, dass sich dadurch alles wieder etwas beruhigt – doch das Gegenteil war der Fall. Alles um mich herum begann sich zu drehen. Tränen der Angst sammelten sich in meinen Augenhöhlen. Ein Kitzeln entlang meiner Nase links und rechts verriet mir, dass sie einen Weg in die Freiheit gefunden hatten. Mit dem Handrücken wischte ich die Spuren der Tränen weg. Langsam öffnete ich meine Augen und mein Gefühl hatte mich nicht getrogen, es drehte sich wirklich alles um mein Bett.

Kay-Ky, was ist bloß los mit mir?

Meine Angst schnürte mir den Hals zu, genau gleich, wie ich es eben im Traum erlebt hatte. Der Versuch, nach Hilfe zu schreien, erzeugte lediglich ein Krächzen und verschlimmerte die Situation weiter. Mit Anstrengung schnappte ich nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und ich fing an zu hyperventilieren. Reflexartig zog ich meine Knie gegen den Bauch, um mich so auf den nächsten Krampf vorzubereiten und diesem entgegenzuwirken. Der Versuch schlug leider fehl. Der Druck ließ Magensäure meine Speiseröhre hinauf­ wandern. Es brannte furchtbar, mir war klar, dass ich mich übergeben musste. Doch auf keinem Fall in meinem Bett. Mit aller Willenskraft zwang ich mich aufzustehen, ging die paar Schritte verkrampft und schwankend von meinem Bett in Richtung Bad. Jeder Schritt tat weh und brannte, als würde ich auf Kohlen laufen. Obwohl es doch nur ein paar Meter waren, war die Anstrengung, die ich meinem Körper abverlangte, extrem hoch. Schritt für Schritt kämpfte ich mich weiter in Richtung der Toilette. Das Ziel vor Augen ignorierte ich meinen rebellierenden Magen und die Tatsache, dass die ersten Würgereflexe einsetzten.

Gleich hast du es geschafft, motivierte ich mich selber.

Wenn ich etwas sehr gut konnte, dann war es, gesteckte Ziele zu erreichen. Meine rechte Hand griff die Türklinke der Toilette und mit der Linken presste ich fest gegen meinen Mund. Kraftlos drückte ich mit einem Ruck die Tür auf. Gleichzeitig verteilte sich explosionsartig der Inhalt meines Magens zwischen den Fingern meiner Hand hindurch im ganzen Bad.

Scheiße, so eine Schei…

Um eine weitere Sauerei zu verhindern, kniete ich mich hin. Umarmte die Kloschüssel. Kotzte mir die Seele und alles, was ich die letzten Stunden gegessen hatte, aus dem Leib. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sich mein Magen wieder beruhigte. Völlig fertig saß ich neben der Toilette und betrachtete mein Kunstwerk. In dem Moment, in dem ich mich etwas besser fühlte, hämmerte jemand gegen die Zimmertür. Gedämpft vernahm ich Geräusche, die darauf hindeuteten, dass jemand versuchte, die Tür aufzuschließen. Mein Blick kreiste unkontrolliert durchs Bad auf der Suche nach den Spuren meiner überwundenen Übelkeit.

Claire, es ist Claire, die vor der Tür steht, es kann nur Claire sein.

Mit meiner Ferse gab ich der Badezimmertür einen Tritt. Noch bevor diese ins Schloss fiel, hörte ich Claires Stimme, laut und deutlich rief sie meinen Namen.

»Sofie, Sofie bist du hier?«

Warum gerade jetzt, fragte ich mich und zwang mich, aufzustehen. An der Badezimmertür angekommen, lehnte ich mich sicherheits­halber dagegen und versuchte abzuschließen, doch es ging nicht, meine Kraft reichte nicht, um den Schlüssel im Schloss zu drehen. Ein weiterer Versuch scheiterte und Claire, die hörte, dass ich am Türschloss hantierte, wurde skeptisch.

»Sofie, stimmt etwas nicht, brauchst du Hilfe?«

Wenn sie wüsste, dachte ich mir und räusperte mich mehrmals, um das Brennen in meinem Hals etwas zu lindern. Hustend und röchelnd versuchte ich, die Situation herunterzuspielen.

»Alles Okay, Claire, mir wurde auf einmal nur verdammt schlecht – sonst ist alles in Ordnung. Gib mir bitte noch zehn Minuten, dann bin ich bei dir.«

»Okay – das ist doch nicht das erste Mal, Sofie – muss ich mir Sorgen machen? Du bist doch nicht etwa …?«

Das darf doch nicht wahr sein! Ich kotze mir nach einem Albtraum und einer Situation, die ich selber nicht verstehe, die Seele aus dem Leib und meine BFF kommt mit einer Erklärung, die einer Apokalypse gleichzusetzen ist. Was ist heute nur los, alles und jeder spielt verrückt? Was für eine dämliche Äußerung.

Seit Maria hatte es keine zweite unbefleckte Empfängnis mehr gegeben. Bei der Fortpflanzung von Menschen spielen Bienen auch keine Rolle. Somit konnte ich definitiv ausschließen, dass ich schwanger bin – so ein Scheiß–Gedanke, typisch Claire. Während ich mich in Gedanken noch immer aufregte, fing ich an, mit einem Handtuch und Toilettenpapier die Spuren meiner Verwüstung zu beseitigen.

Mühsam drehte ich die Wasserhähne auf und stützte mich mit den Ellenbogen auf dem Waschbeckenrand ab. Schaute dem Wasser zu, wie es sich, wie magisch angezogen, in Richtung Abfluss bewegte, um darin in einem schwarzen Loch zu verschwinden. Ich unterbrach den Fluss und hielt meine Handinnenflächen mit den Fingern fest zusammengepresst darunter. Das Wasser fühlte sich kalt an. Ich beugte mich weiter hinunter und nahm einen großen Schluck vom frischen kalten Wasser. Drückte danach mein Gesicht gegen meine Hände und genoss das frische Gefühl.

Keine drei Minuten später hatte ich meine Zähne und Zunge geputzt und war wieder ein normaler Mensch. Doch konnte ich mich so Claire zeigen? Claire, bei der man glauben konnte, dass sie bereits geschminkt auf die Welt gekommen war und die auch nie ohne eine mindestens 30 Minuten dauernde dreilagige Claire-Spezialtherapie das Zimmer verließ. Wenn ich mir also nicht wieder »Mann, siehst du blass aus oder lass mal Sonne an deine Haut« anhören wollte, dann musste ich mehr als etwas nachhelfen.

Um mein Gesicht zu begutachten, drückte ich mich aus meiner gebückten Haltung nach oben und blickte in den dreiteiligen Spiegel eines einfachen Badschranks. Es war die Standardausstattung hier im Wohnheim, alle Zimmer hatten dieselben Möbel und auch die gleiche Badezimmereinrichtung. »Billig-Standard«, wie es im Flurfunk genannt wurde. Als ich mein Gesicht betrachtete, fiel mir sofort ein dunkler Schatten in der Mitte meiner Stirn auf. Blinzelnd versuchte ich, meinen verschwommenen Blick zu schärfen, doch es änderte sich nichts am Ergebnis.

Erneut griff ich den Waschlappen, hielt ihn unter den Flüssigseifenspender und presste eine Wochenration Seife darauf. Das Ziel vor Augen, den verbliebenen Dreckfleck wegzuwischen, rotierte damitauf meiner Stirn, bis außer Schaum kaum mehr etwas anderes zu sehen war, geschweige denn der Fleck. Als ich die Seife abgespült hatte, war ich völlig überrascht, denn der Fleck war noch sichtbar und wesentlich deutlicher zu sehen als zuvor. Ich betrachtete den Fleck genauer und was ich nun erkannte, konnte ich nicht glauben.

Der Fleck war gar kein Fleck. Was ich sah, hatte die Form eines Kreuzes, das sich deutlich von meiner Hautfarbe abhob und in der Mitte meiner Stirn in grauer Schattierung wie aufgemalt prangte. Ich beugte mich nach vorne und machte meinen Finger mit Spucke nass und rubbelte wie wild auf dem Kreuz herum, bis es anfing, weh zu tun. Eins war klar, es war kein Dreck und auch keine normale Farbe, die sich einfach wegwischen ließ. Es war etwas anderes, ähnlich einem Tattoo. Völlig am Ende torkelte ich rückwärts und fing hysterisch an zu schreien. Mein Blick war wie versteinert auf mein Spiegelbild, genau genommen auf das Kreuz in der Mitte meiner Stirn, gerichtet. Die Kraft in meinen Beinen ließ nach, und während ich langsam, mit dem Rücken an der Badezimmerwand dem Boden entgegenrutschte, überkam mich ein Weinkrampf und ich blieb zusammengekauert sitzen und heulte bitterlich.


Last modified onFreitag, 22 Mai 2015 20:47
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