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Leseproben - Igan Mich
Leseproben

Leseproben (2)

Hier findet ihr ein paar Leseproben, die hoffentlich neugierig auf mehr machen. Viel Spaß beim Lesen wünscht

Erster Traum (Kapitel 1)

by Igan Mich

Erster Traum

Mein Blick war noch immer auf Magic Mike fixiert. Alles um mich herum erschien ausgeblendet, als ob ein Nebelschleier meine Sicht blockierte. Ein leichtes Kitzeln auf meiner rechten Wange durchbrach meine Starre. Eine Träne, die in Zeitlupe dem Boden entgegenfiel und sich auf diese Weise befreite.

Was ist bloß mit mir los? Alles wirkt so unscheinbar, als ob es nicht wirklich ist. Hat das mit diesem schrecklichen Albtraum zu tun?

Langsam verlangsamte sich mein Puls, es war ein angenehmes Gefühl. Ein Gefühl der Entspannung und ich war mir sicher, dass Magic Mike wesentlich hierzu beigetragen hatte.

Danke, Magic Mike!

In Gedanken fragte ich mich, was das eben für ein seltsamer, abgefahrener Traum war.

Gott sei Dank war das nicht real. Doch was habe ich da eben geträumt? Hatte es etwas zu bedeuten oder war es nur wirres Zeug? Wie auch immer, es war Kay-Ky und völlig abgefahren und es ließ mich nicht in Ruhe.

Meine Gedanken kreisten weiterhin um das eben Geträumte, das mir gleichzeitig Angst machte.

Ich versuchte mich zu beruhigen und redete mir selber immer wieder ein, dass es nur ein Traum war. Hektisch und auf der Suche nach Beweisen streifte ich den rechten Ärmel meines Oberteils nach oben. Da war nichts, keine Verletzung, kein blauer Fleck. Ich tastete meine Ellenbeuge ab, doch auch dieser Versuch brachte nichts Unerwartetes zum Vorschein, keinerlei Schmerzen, alles völlig normal. Ich atmete tief durch und wusste nun, es war alles nur ein Traum, ein Spiel meiner Gedanken, nichts Reales. Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wissen konnte, war, dass dieser Traum alles verändern würde, mein ganzes Leben.

Meine Atmung folgte dem Rhythmus meines noch immer rasenden Herzens. Auf einmal bemerkte ich, dass alles um mich herum unscharf erschien. Selbst Magic Mike, der in jeder Hinsicht scharf war, schien wie in Nebel gehüllt. Ein Gefühl, das alles andere als angenehm war, breitete sich wie eine Welle über meinen ganzen Körper aus. Eine Gänsehaut, gefolgt von einem Schweißausbruch, war das Ergebnis. Meine Ober­schenkel brannten und meine Beine fingen an zu zittern.

Kay-Ky! Was geht jetzt hier ab, was ist bloß mit mir los?

Ich versuchte Erklärungen zu finden, doch das Einzige, was wirklich funktionierte, war das Krampfen meines Magens. Ich schloss meine Augen in der Hoffnung, dass sich dadurch alles wieder etwas beruhigt – doch das Gegenteil war der Fall. Alles um mich herum begann sich zu drehen. Tränen der Angst sammelten sich in meinen Augenhöhlen. Ein Kitzeln entlang meiner Nase links und rechts verriet mir, dass sie einen Weg in die Freiheit gefunden hatten. Mit dem Handrücken wischte ich die Spuren der Tränen weg. Langsam öffnete ich meine Augen und mein Gefühl hatte mich nicht getrogen, es drehte sich wirklich alles um mein Bett.

Kay-Ky, was ist bloß los mit mir?

Meine Angst schnürte mir den Hals zu, genau gleich, wie ich es eben im Traum erlebt hatte. Der Versuch, nach Hilfe zu schreien, erzeugte lediglich ein Krächzen und verschlimmerte die Situation weiter. Mit Anstrengung schnappte ich nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und ich fing an zu hyperventilieren. Reflexartig zog ich meine Knie gegen den Bauch, um mich so auf den nächsten Krampf vorzubereiten und diesem entgegenzuwirken. Der Versuch schlug leider fehl. Der Druck ließ Magensäure meine Speiseröhre hinauf­ wandern. Es brannte furchtbar, mir war klar, dass ich mich übergeben musste. Doch auf keinem Fall in meinem Bett. Mit aller Willenskraft zwang ich mich aufzustehen, ging die paar Schritte verkrampft und schwankend von meinem Bett in Richtung Bad. Jeder Schritt tat weh und brannte, als würde ich auf Kohlen laufen. Obwohl es doch nur ein paar Meter waren, war die Anstrengung, die ich meinem Körper abverlangte, extrem hoch. Schritt für Schritt kämpfte ich mich weiter in Richtung der Toilette. Das Ziel vor Augen ignorierte ich meinen rebellierenden Magen und die Tatsache, dass die ersten Würgereflexe einsetzten.

Gleich hast du es geschafft, motivierte ich mich selber.

Wenn ich etwas sehr gut konnte, dann war es, gesteckte Ziele zu erreichen. Meine rechte Hand griff die Türklinke der Toilette und mit der Linken presste ich fest gegen meinen Mund. Kraftlos drückte ich mit einem Ruck die Tür auf. Gleichzeitig verteilte sich explosionsartig der Inhalt meines Magens zwischen den Fingern meiner Hand hindurch im ganzen Bad.

Scheiße, so eine Schei…

Um eine weitere Sauerei zu verhindern, kniete ich mich hin. Umarmte die Kloschüssel. Kotzte mir die Seele und alles, was ich die letzten Stunden gegessen hatte, aus dem Leib. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sich mein Magen wieder beruhigte. Völlig fertig saß ich neben der Toilette und betrachtete mein Kunstwerk. In dem Moment, in dem ich mich etwas besser fühlte, hämmerte jemand gegen die Zimmertür. Gedämpft vernahm ich Geräusche, die darauf hindeuteten, dass jemand versuchte, die Tür aufzuschließen. Mein Blick kreiste unkontrolliert durchs Bad auf der Suche nach den Spuren meiner überwundenen Übelkeit.

Claire, es ist Claire, die vor der Tür steht, es kann nur Claire sein.

Mit meiner Ferse gab ich der Badezimmertür einen Tritt. Noch bevor diese ins Schloss fiel, hörte ich Claires Stimme, laut und deutlich rief sie meinen Namen.

»Sofie, Sofie bist du hier?«

Warum gerade jetzt, fragte ich mich und zwang mich, aufzustehen. An der Badezimmertür angekommen, lehnte ich mich sicherheits­halber dagegen und versuchte abzuschließen, doch es ging nicht, meine Kraft reichte nicht, um den Schlüssel im Schloss zu drehen. Ein weiterer Versuch scheiterte und Claire, die hörte, dass ich am Türschloss hantierte, wurde skeptisch.

»Sofie, stimmt etwas nicht, brauchst du Hilfe?«

Wenn sie wüsste, dachte ich mir und räusperte mich mehrmals, um das Brennen in meinem Hals etwas zu lindern. Hustend und röchelnd versuchte ich, die Situation herunterzuspielen.

»Alles Okay, Claire, mir wurde auf einmal nur verdammt schlecht – sonst ist alles in Ordnung. Gib mir bitte noch zehn Minuten, dann bin ich bei dir.«

»Okay – das ist doch nicht das erste Mal, Sofie – muss ich mir Sorgen machen? Du bist doch nicht etwa …?«

Das darf doch nicht wahr sein! Ich kotze mir nach einem Albtraum und einer Situation, die ich selber nicht verstehe, die Seele aus dem Leib und meine BFF kommt mit einer Erklärung, die einer Apokalypse gleichzusetzen ist. Was ist heute nur los, alles und jeder spielt verrückt? Was für eine dämliche Äußerung.

Seit Maria hatte es keine zweite unbefleckte Empfängnis mehr gegeben. Bei der Fortpflanzung von Menschen spielen Bienen auch keine Rolle. Somit konnte ich definitiv ausschließen, dass ich schwanger bin – so ein Scheiß–Gedanke, typisch Claire. Während ich mich in Gedanken noch immer aufregte, fing ich an, mit einem Handtuch und Toilettenpapier die Spuren meiner Verwüstung zu beseitigen.

Mühsam drehte ich die Wasserhähne auf und stützte mich mit den Ellenbogen auf dem Waschbeckenrand ab. Schaute dem Wasser zu, wie es sich, wie magisch angezogen, in Richtung Abfluss bewegte, um darin in einem schwarzen Loch zu verschwinden. Ich unterbrach den Fluss und hielt meine Handinnenflächen mit den Fingern fest zusammengepresst darunter. Das Wasser fühlte sich kalt an. Ich beugte mich weiter hinunter und nahm einen großen Schluck vom frischen kalten Wasser. Drückte danach mein Gesicht gegen meine Hände und genoss das frische Gefühl.

Keine drei Minuten später hatte ich meine Zähne und Zunge geputzt und war wieder ein normaler Mensch. Doch konnte ich mich so Claire zeigen? Claire, bei der man glauben konnte, dass sie bereits geschminkt auf die Welt gekommen war und die auch nie ohne eine mindestens 30 Minuten dauernde dreilagige Claire-Spezialtherapie das Zimmer verließ. Wenn ich mir also nicht wieder »Mann, siehst du blass aus oder lass mal Sonne an deine Haut« anhören wollte, dann musste ich mehr als etwas nachhelfen.

Um mein Gesicht zu begutachten, drückte ich mich aus meiner gebückten Haltung nach oben und blickte in den dreiteiligen Spiegel eines einfachen Badschranks. Es war die Standardausstattung hier im Wohnheim, alle Zimmer hatten dieselben Möbel und auch die gleiche Badezimmereinrichtung. »Billig-Standard«, wie es im Flurfunk genannt wurde. Als ich mein Gesicht betrachtete, fiel mir sofort ein dunkler Schatten in der Mitte meiner Stirn auf. Blinzelnd versuchte ich, meinen verschwommenen Blick zu schärfen, doch es änderte sich nichts am Ergebnis.

Erneut griff ich den Waschlappen, hielt ihn unter den Flüssigseifenspender und presste eine Wochenration Seife darauf. Das Ziel vor Augen, den verbliebenen Dreckfleck wegzuwischen, rotierte damitauf meiner Stirn, bis außer Schaum kaum mehr etwas anderes zu sehen war, geschweige denn der Fleck. Als ich die Seife abgespült hatte, war ich völlig überrascht, denn der Fleck war noch sichtbar und wesentlich deutlicher zu sehen als zuvor. Ich betrachtete den Fleck genauer und was ich nun erkannte, konnte ich nicht glauben.

Der Fleck war gar kein Fleck. Was ich sah, hatte die Form eines Kreuzes, das sich deutlich von meiner Hautfarbe abhob und in der Mitte meiner Stirn in grauer Schattierung wie aufgemalt prangte. Ich beugte mich nach vorne und machte meinen Finger mit Spucke nass und rubbelte wie wild auf dem Kreuz herum, bis es anfing, weh zu tun. Eins war klar, es war kein Dreck und auch keine normale Farbe, die sich einfach wegwischen ließ. Es war etwas anderes, ähnlich einem Tattoo. Völlig am Ende torkelte ich rückwärts und fing hysterisch an zu schreien. Mein Blick war wie versteinert auf mein Spiegelbild, genau genommen auf das Kreuz in der Mitte meiner Stirn, gerichtet. Die Kraft in meinen Beinen ließ nach, und während ich langsam, mit dem Rücken an der Badezimmerwand dem Boden entgegenrutschte, überkam mich ein Weinkrampf und ich blieb zusammengekauert sitzen und heulte bitterlich.


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Der Prolog

by Igan Mich

Ein immer stärker werdendes Brennen in meinen Armen brachte mich aus der Bewusstlosigkeit zurück ins schmerzhafte Jetzt. Vorsichtig öffnete ich die Augen, in Erwartung, etwas wahrzunehmen. Nichts passierte. Getrocknete Tränen, die wie Klebstoff wirkten.

Wo war ich? Was war los mit mir?

Gedankenblitze, in einer Geschwindigkeit, in der ich sie nicht verarbeiten konnte, hämmerten von innen gegen meinen Kopf. Die Augen entgegen dem Widerstand aufgerissen – ich fühlte Schmerz. Im Gegensatz zu dem was ich mir erhoffte, sah ich nichts – Dunkel­heit. Ein Pulsieren in den Armen, das schneller wurde, bis es brannte.

Jemand versuchte, die Kontrolle über meinen Körper und meinen Verstand zu bekommen. Krampfhaft wehrte ich mich dagegen.

Sei stark, Sofie – du musst stark sein, motivierte ich mich selber!

Vaters Lebensweisheit, obwohl ich sie hasste, in diesem Moment war sie das Einzige, was mir Halt und Hoffnung gab – danke, Dad. Meine Suche nach Antworten wurde durch das intensive Brennen in meinem rechten Arm abgewürgt. Langsam drehte ich mich in die Richtung, aus der die Schmerzen kamen. Etwas hielt mich fest, meine Drehbewegung verstärkte den schmerzhaften Zustand. Wie koch­endes Wasser floss es durch die Adern meines rechten Arms und trat gefühlt in der Ellenbeuge aus. Reflexartig schloss ich wieder die Augen. Biss die Zähne zusammen. Ein knirschendes Geräusch wurde von meinem eigenen Stöhnen übertönt, das durch meinen ge­schlossenen Mund, zwischen den Zähnen hindurch, einen Weg in die Freiheit suchte. Einen Augenblick lang glaubte ich, dass das Brennen nachließe. Konzentriert auf den Schmerz, der zweifelsfrei aus meiner rechten Ellenbeuge stammte, bemerkte ich, wie Tränen sich in meinen Augenwinkeln sammelten.

Verdammt, was geht hier ab?

Sehr langsam drehte ich den Kopf noch weiter nach rechts. Die Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt. Was ich sah, waren Schattierungen. Die Muskeln im rechten Arm kontrahierten, mit dem Ziel, ihn anzuheben. Das Ergebnis, das ich erzielte, war ein stärkeres Brennen. Ich wollte nicht aufgeben und versuchte, meinen Arm vom Bett abzudrücken, bemerkte jedoch, dass etwas mein Handgelenk zurückhielt. Panisch versuchte ich, alle Gliedmaßen auf einmal zu bewegen. Da war nichts – keine Reaktion. Ein Gefühl der Hilflosigkeit, überlagert von unendlicher Angst, um­hüllte erst meinen Körper, dann meinen Verstand.

Jemand hatte mich an dieses Bett gefesselt und etwas verursachte höllisch brennende Schmerzen in meiner rechten Ellenbeuge.

Warum bin ich so kraftlos? So müde ... wo bin ich nur?

Es war deutlich zu hören, keine Einbildung, kein Hirngespinst, jemand rief meinen Namen, immer wieder und immer lauter.

Ich muss antworten, egal wie – ich muss antworten.

Alle Versuche, zu rufen oder zu schreien, waren erfolglos. Angst schnürte mir die Kehle zu, in meiner Vorstellung sah ich große Hände meinen Hals umklammern. Sie drückten und drückten und hörten nicht auf. Je intensiver ich versuchte zu schreien, desto weniger Luft bekam ich. Nichts war zu hören – kein Laut, das Einzige, was ich spürte waren Tränen, die rechts und links an meinem Gesicht hinunterliefen.

Du musst deine Angst überwinden, Sofie. Nun zählt es, stark zu sein!

Wie oft hörte ich von Dad diesen Spruch, wie oft dachte ich ...

Das ist es! Dad gab mir Anweisungen, jedes Mal, wenn er es sagte. Lebensweisheiten, wie man in extremen Situationen handeln konnte. Ich holte tief Luft und hielt meinen Atem an, fing an zu zählen. Dad hatte mich öfter dazu gezwungen. Seiner Meinung nach war es eine Möglichkeit, Stärke zu zeigen. Was er wirklich meinte, war Ängste zu überwinden.

Einundsechzig, zweiundsechzig. Meine Lungen schrien danach, sich wieder mit Luft zu füllen.

Nicht aufgeben, das ist nur der Anfang.

Dreiundneunzig, vierundneunzig. Meine Gedanken verlang­samten sich. Schmerzen verblassten. Mein Weinen hörte auf. Meine Umgebung wurde unscharf.

Weiter Sofie, motivierte ich mich, du schaffst es – du stellst einen neuen Rekord auf!

Hundertundzweiundzwanzig, hundertunddreiundzwanzig.

… Hundertunddreiunddreißig, hundertvierund...

Ein nicht mehr zu kontrollierender Reflex zwang mich, meinen Mund aufzureißen und gegen meinen Willen tief einzuatmen. Meine Lungen füllten sich mit Luft, als wäre es das letzte Mal. Das blockierende Gefühl war verschwunden – meine Angst überlistet. Sie wurde Opfer einer fantastischen Eigenschaft: dem Willen, zu überleben. Meine Atmung raste im Rhythmus meines Herzschlages und aus meiner Ellenbeuge meldete sich im gleichen Takt das Brennen wieder. Meinen Mund weit geöffnet, schrie ich, so laut ich konnte und machte meinen Empfindungen Luft – Empfindungen des Schmerzes. Ein lauter greller Schrei füllte den Raum und mit ihm entwich ein weiterer Teil meiner Todesangst. In dem Moment, als der Schrei verstummte, hörte ich, wie jemand die Tür öffnete und meinen Namen laut rief.

»Xama!«

Die Stimme klang vertraut, sie hatte etwas Warmes, Beschützendes und sie kam im richtigen Moment.

Irgendwoher kannte ich diese Stimme – Hoffnung keimte wieder auf.

Schwindel machte sich in meinem Kopf breit und ließ mich glauben, dass das Bett sich mit mir im Raum drehte – oder tat es dies wirklich? Wieder hörte ich meinen Namen, ganz nah, direkt vor mir. Eine Hand machte sich an meinem Kopf zu schaffen und entfernte etwas. Wieder musste ich weinen, doch diesmal waren es Tränen reiner Freude. Ein Stich, ausgelöst von gleißendem Licht, das meine Augen traf, ließ die eben noch alles verbergende Dunkelheit verschwinden. Alles strahlte und war so hell, dass ich wieder nichts sehen konnte. Das Schlucken fiel mir schwer und mein Hals zog sich erneut zusam­men – die Angst war wieder zurück.Der Lichtimpuls vereinte sich mit dem Schwindel und meiner Angst. Als meine Augen sich auf die Helligkeit eingestellt hatten, sah ich ein Gesicht und wie jemand meinen Namen rief. Ich kannte das Gesicht und die Stimme und versuchte mich zu erinnern.

In meiner Erinnerung suchte ich nach einer Antwort, das Gesicht, wer ist das?

Blitzartig wurde alles erneut unscharf, wie wenn jemand das Objektiv einer Kamera bis zum Anschlag in eine Richtung dreht. Auch die Stimmen, die weiterhin meinen Namen riefen, verhallten und entfernten sich. Ich wollte noch etwas sagen, doch mein Körper reagierte nicht mehr auf meine Gedanken. Meine Augenlider wurden so schwer, dass ich sie nicht mehr offen halten konnte.

Müde, ich bin so müde, lasst mich alle einfach in Ruhe. Wenn ich aufwache, ist alles vorbei – einfach nur vorbei.

Dunkelheit breitete sich aus und ich spürte, wie meine letzte Kraft sich langsam aus meinem Körper entfernte. Meine gesamte Lebens­energie, dass was noch da war, schien sich über das Bett und im Raum zu verteilen. Selbst meine Gedanken verblassten, es kehrte ein Zustand innerer Ruhe ein. Keine Schmerzen mehr, nichts, was mich zurückhielt, einzuschlafen und für immer zu ruhen.

Ist das so, wenn man stirbt?

Doch da war noch etwas … ganz leise, weit entfernt, nahm ich Stimmen wahr. Sie kamen näher und entfernten sich wieder. Mit jedem weiteren Atemzug, der auch mein Letzter sein konnte, vernahm ich die Stimmen deutlicher, sie sagten in einem Einklang immer die gleichen Worte. Drei Worte, die ich noch nie gehört hatte, die sich aber in mein Gedächtnis brannten wie ein Ohrwurm:

»Communitati – vis – nostrum

communitati – vis – nostrum

communitati – vis – nostrum«

Die Stimmen rückten in den Hintergrund. Doch sie ließen etwas zurück – Lebensenergie. Mein Atmen wurde tiefer und Leben kehrte zurück in meinen Körper. Ein nicht zu erklärendes Phänomen entstand. Es fühlte sich an, wie wenn alle Lebensenergie der Umgebung sich an einer Stelle sammelte. Alles floss in der Mitte des Bettes in meinem Körper zusammen, um die erlösende Müdigkeit, die wie eine schwere Decke auf mir lag und mich bereits umhüllte, wieder abzuschütteln.

»Xama, wach auf, du darfst nicht einschlafen!«

Jemand sprach mich direkt an und gleichzeitig hörte ich den monotonen Gesang im Hintergrund. Die Stimme, die zu mir sprach, war klar und kräftig und versorgte jede Zelle meines Körpers mit neuer Energie und ich kannte sie.

»Wach auf, Xama.«

Ich darf jetzt nicht einschlafen, nicht einschlafen, Xama!

Die Finger meiner rechten Hand strichen über das Leintuch und ballten sich langsam zu einer Faust. Meine Art, mich gegen die Müdigkeit zu wehren.

Keine Schmerzen?

Nochmals versuchte ich mit Anstrengung, meinen Arm anzu­heben. Völlig überraschend bewegte er sich nach oben, ohne den erwarteten Widerstand. Ein warmes wohltuendes Gefühl strömte nun durch meinen ganzen Körper – ein Gefühl von Leben.

Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr ruhig liegen und ich be­wegte meinen linken Arm. Dann fast schon gleichzeitig beide Beine und mit einem kaum sichtbaren Lächeln bestätigte ich das Ergebnis.Ich war frei - nicht mehr gefesselt!

Die Stimmen waren nun klar und deutlich. Ich öffnete wieder meine Augen und erschrak erneut. Eine Vielzahl von männlichen Gesichtern blickte mich an und sie sangen:

»Communitati – vis – nostrum«

Dabei bewegten sie sich in einem Kreis und drehten sich um mich herum. Ihre Gesichter wurden zum Teil durch Hände verdeckt und erst jetzt erkannte ich, dass sie sich alle mit der linken Hand umarmten und so den Kreis bildeten. Doch da war noch etwas … etwas, dass sehr seltsam und unerklärlich aussah. Sie alle drückten die Daumen der rechten Hand auf die Mitte der Stirn ihres rechts stehenden Partners.

Was bedeutet das? Bin ich jetzt in Sicherheit?

Erneut wurde mein Gedankenspiel durch eine tiefe Männerstimme unterbrochen.

»Xama, schließe deine Augen.«

Es war wie eine Art Befehl und fühlte sich doch mehr an wie ein Schutzreflex – nicht sehen zu müssen, was als Nächstes passiert. Gedanken an meine Kindheit kamen mir in den Sinn.Damals hatte ich auch immer, wenn ich Angst hatte, meine Augen zugehalten, im Glauben daran, dass wenn ich nichts sehe, ich auch nicht gesehen werde. Warum kann das denn jetzt nicht einfach so sein?

Bruchteile einer Sekunde, die eine Ewigkeit dauerte. Mein rechter Arm fühlte sich auf einmal an, als ob er aus einem Taubheitsschlaf aufwachte und gar nicht mehr zu mir gehörte. Ein Kribbeln in meinen Fingern, das bis zum Ellenbogen wanderte, verriet mir, dass er eingeschlafen war. Hatte ich ihn nicht eben vor ein paar Sekunden noch bewegt und meine Finger zu einer Faust geballt?

Stille, wo sind die Stimmen geblieben?

Neugierig und ängstlich zugleich öffnete ich langsam und vorsichtig meine Augen und was ich sah, war ein völlig unerwarteter Anblick, ein anderes Bild als noch Sekunden zuvor. Die Umgebung hatte sich komplett verändert, das Bett, die Gesänge, die Gesichter, alles war verschwunden. Mein rechter Arm war völlig in Ordnung. Das Einzige was ich noch immer fühlte, war mein rasender Herzschlag, der bis in meine Fingerspitzen pulsierte. Ich sah eine Gestalt vor mir, die mir sofort bekannt vorkam.

Channing Tatum, mein Magic Mike.

Es war dieser unheimlich süße und gleichzeitig beschützende Blick, der nicht real war, da er nur von einem Plakat an der Stirnseite meines Bettes stammte. Doch das alles war nicht wichtig, ich wusste, ich war in meinem Zimmer, in meinem eigenen Bett in Sicherheit und alles war nur ein ...

Kay-Ky – Kay-Ky – Kay-Ky, was war das denn?

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